zu Rogate 2021.

Liebe Gemeinde,

Beten – ich finde, das ist kein einfaches Thema. Tatsächlich fiel mir die Vorbereitung dieser Predigt recht schwer. Ich weiß von mir selbst, dass es ein sensibles Thema ist. Gerade in religiösen Kreisen. Da gibt es alle Spielarten: angefangen beim Stundengebet der Kirche, sieben mal am Tag. Bis hin zum freien Beten in Gemeinschaft. Oder Zungenrede bei den Charismatikern. Und schließlich gibt es Menschen, die überhaupt nicht beten. Oder nicht mehr beten.

Ich selbst bin mit dem Beten nicht aufgewachsen. In meiner Kindheit war es nicht üblich, zu beten. Weder vor dem essen. Noch vor dem Schlafen gehen. Gebetet habe ich eigentlich nur in der Kirche, in der siebten bis zur neunten Klasse morgens oder später mit meinem Religionslehrer bzw. meiner Religionslehrerin.

So richtig mit dem Beten beschäftigt habe ich mich nach dem Abitur, als ich für eine Auszeit in einem benediktinischen Kloster in Niederbayern war, in der Benediktinerabtei Schweiklberg. Dort habe ich das Stundengebet kennen und, ja! auch lieben gelernt. Ich habe danach einige Zeit versucht, mir das zu erhalten. Ich habe versucht, mir das Stundengebet im Alltag zu bewahren. Und es ist mir auch einige Zeit gelungen.

Aber ich muss zugeben: ich bin kein disziplinierter Mensch. War ich nie. Und so fiel es mir immer schwer, diesen regelmäßigen Gebetsrythmus alleine aufrecht zu erhalten.

Geblieben ist mir davon meine Liebe zur Liturgie, zum liturgischen Singen. Und auch deshalb, so oft ich kann, singe ich Psalmen. So wie auch heute. „Bis orat, qui cantat“ – zweimal betet, wer singt, so hat es Augustinus wohl gesagt. Und auch Luther hat das so bekräftigt.

Aber: Warum beten wir überhaupt? Was bringt’s denn?

Am Anfang habe ich das bereits gesagt: beim Beten geht es um Bitten. Wer betet, der bittet um etwas. Aber natürlich bittet er oder sie nicht irgendwen: wir rufen Gott an. Mit unserm Lob. Mit unserer Klage. Mit unserem Gebet. Wobei es aber freilich nicht nur um Bitten geht. Sondern Beten kann auch Danken sein, doch dazu gleich mehr.

Biblisch gibt es verschiedene Bilder zum Beten. Ein schönes ist dieses: die Gebete der Menschen steigen wie ein alttestamentliches Rauchopfer auf zu Gott.

Ein anderes Bild finden wir in einer apokryphen Schrift der Bibel, im Buch Jesus Sirach. Ben Sira’ war wohl ein Schriftgelehrter. Vielleicht sogar ein Tempelschreiber. Er lebte im zweiten Jahrhundert vor Christus und schrieb sein etwas zusammgenwürfeltes Buch über die Weisheit, die Suche nach Gott, das Gesetz und die Schöpfung.

Über das Gebet schreibt er im 35. Kapitel:

Lesung: Sir 35, 16–22a: Das Gebet durchdringt die Wolken

II. Warum und wie wir beten.

Warum beten Menschen?

Aus Dank. z. B. für eine bestandene Prüfung. Dass eine heikle Sache gut ausgegangen ist.
Aus Angst. Vor einer Operation. Vor einer langen Reise.
Aus Ratlosigkeit. Bei wichtigen Entscheidungen.
Aus Hoffnungslosigkeit. Bei schwierigen Umständen, die kaum aufzuhören scheinen.

Auch bei Spielen habe ich das oft beobachtet. „Bitte, bitte, bitte, ich brauche ein Sechs“ z.B. beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Und ja, da habe ich das auch schon gedacht.

Ich erinnere mich, ich habe vor jeder neuen Station meines Lebens viel gebetet. Vor meiner Konfirmation z. B.; weil ich glaubte, nicht genug zu glauben. Vor meiner Ausbildung zum Rettungssanitäter. Und auch, als ich mich zu meinem Studium entschieden habe.

Mein Vater hat ganz intensiv gebetet, als meine Mutter und mein kleinster Bruder bei seiner Geburt beinahe gestorben wären.

Mit Einsatzkräften und Angehörigen habe ich gebetet, als in Feucht ein Maibaum umgestürzt ist und eine Frau und Mutter erschlagen hatte.

Warum beten wir?

Ich kenne Menschen, die beten nie. Aber ich kenne auch Menschen, die beten, bevor sie ihr Auto starten und losfahren. Manche beten vor dem Essen. Andere beten vor dem Schlafengehen. Und wieder andere beten nur in der Kirche.

Warum beten wir?

III. Beten hilft nicht

Beten ist nämlich sinnlos.

Ja! Das ist eine steile These.

Der Papst hat im März 2020 gegen die Corona-Pandemie ein Sturmgebet veranstaltet. Und seit dem immer wieder. Auch in unseren Gottesdienste wird dafür gebetet.
Viele Menschen beten für ein Ende der Pandemie.
Was hat’s geholfen?

Schwer kranke Menschen beten gegen eine tödliche Krankheit an.
Und sterben dann doch.

Selbst Jesus betet im Garten Gethsemane:

Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.

Und wenig später schreit er am Kreuz:

Eli, eli, lammah asavtani.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Psychologen sagen, Beten versetzt uns in einen anderern Geisteszustand, wie eine Meditation quasi. Und Religionskritiker sagen, Beten ist eine Art Selbst-Therapie. So wie Selbstgespräche. Man betet sich alles von der Seele, und es geht einem besser.

Aber ob sich dadurch was ändert? Nur durch das Reden?

Hört denn überhaupt jemand zu? Hört Gott zu?

Was erwarten wir denn eigentlich? Dass man nur kurz ein Gebet spricht:

Lieber Gott, ich hätte jetzt gern ein Vanille-Eis.
Und Zack! Ist das Vanille-Eis da?
Enemene S-Bahn-Gleis, vor mir steht’s Vanille-Eis. Hex! Hex!

Funktioniert beides nicht. Mist.

Bei dem Gebet Jesu im Garten Gethsemane habe ich etwas unterschlagen:

Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;
doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!

Ganz besonders schön wird dieses Problem dargestellt in dem Film „Bruce Allmächtig“, eine moderne Übertragung der Hiob-Geschichte. Bruce, ein Fernsehmoderator, ist in einer Lebenskrise, fühlt sich minderwertig, kriegt sein Leben nicht auf die Reihe, erlebt „ständig gigantomanische Verschwendungen seiner Lebenszeit“.

Er fordert Gott heraus, indem er betet:

Kämpfen wir ohne Bandagen Gott.
Gott hat mir mein Dach und meinen Spatz genommen.
Gott ist ein fieses Kind mit einem Brennglas.
Zerschmettere mich, o allmächtiger Zerschmetterer!

Und was passiert? Bruce soll Gottes Job übernehmen und sich um die Gläubigen kümmern und ihre Gebete bearbeiten.

Aber er bleibt ja ein Mensch. Also kommt er nicht hinterher. Und deshalb beantwortet er alle Gebete mit „Ja“. Und die Welt versinkt im Chaos.

Ein Lottogewinn z. B. wird über tausende Menschen aufgeteilt und niemand gewinnt wirklich. Ein Meteorit schlägt ein. Und der Mond, den er näher an die Erde zieht, um seine Freundin zu beeindrucken, führt zu gigantischen Überflutungen.

Gebete funktionieren nicht. Gott sei Dank!

IV. Dialektik, oder: Warum wir TROTZDEM beten (müssen).

Gott ist keine Wunsch-Erfüllungs-Maschine: Gebet rein, erfüllter Wunsch raus.

Deswegen funktionieren Gebete auch nicht. Und Gott funktioniert auch nicht.

Wir haben auf Gottes Gnade keinen Anspruch! Gott hat das große Ganze im Blick. Das größte Gänzeste, das ganze Universum, alle Universen, dies alles, heute und morgen, vor einer Ewigkeit und in einer Ewigkeit, und auch das Nie und das Nirgendwo. Er ist da, am Ende eines Lichtstrahls und an seinem Anfang.

Deswegen weiß er es besser. Was gut für uns ist:

Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!

Dass wir beten, dass wir uns Gesundheit wünschen, eine Sechs beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, eine Gehaltserhöhung, noch ein paar Tage des Lebens, eine sichere Autofahrt, ein Vorübergehen des Kelches, das ist klar. Und dies alles sind normale und aufrichtige Wünsche, die man haben darf, die Menschen haben dürfen. Und die alle wichtig sind!

Aber der Mensch hat eben keinen Anspruch auf Erlösung.

Stattdessen kann ich mein Flehen und meine Klage ins Gebet geben. Ich kann heulen und schreien wie ein Kind. Gleichzeitig kann ich aber auch meine Freude zu ihm bringen, meine Liebe, meine Zuversicht.

Denn Gott hört hin. Er hört sich all das an.

Gebete funktionieren nicht. Aber er erhört sie trotzdem.

Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Aber ihm ist es wichtig, was wir uns wünschen.

Gebete sind keine Zaubersprüche. Aber sie bringen mich in Kontakt zu Gott.

Mit Beten können wir die Welt nicht retten. Denn die ist nicht zu retten.

Mit Beten binden wir uns ein in Gott und Gott in uns.

Und dafür können wir ihm danken.

Denn das ist der Trost: Er ist da. Und er hört hin!

Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.

V. Sophie Scholl

Sophie Scholl, geboren heute vor 100 Jahren, hingerichtet im Februar 1941, schrieb über das Beten an ihren Verlobten:

Gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein, so will ich es Dir und mir stetig wiederholen:
Wir müssen beten, und für einander beten, als wärest du hier, und ich wollte die Hände mit dir falten, denn wir sind arme Kinder, schwache Sünder.
Ich bin Gott noch so ferne, daß ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich im Nichts versinken.
Das ist nicht etwa schrecklich, oder schwindelerregend, es ist gar nicht – und das ist noch viel entsetzlicher.
Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, auch wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.

Amen.

Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

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