Jesus wirft keinen Schatten.

Niedergeschlagen,
mürrisch,
enttäuscht.

Nichts scheint zu klappen,
der Plan geht nicht auf,
wie es weiter geht, liegt im Dunkeln.

Was sind Konzepte geschrieben worden! – und doch ging nichts.
Was sind Pläne gemacht worden! – ganz umsonst.

Es wiegt schwer,
dieses ständige her und hin,
liegt schwer auf den Schultern.

Wie ein Schatten auf der Welt,
der endlos zu sein scheint,
wie die Wartezeit in der Arztpraxis
– ist es bald soweit?

Vielleicht wirft all das große Schatten auf uns,
finstere Schatten, die dem Lande droh’n?

Doch, wo viel Schatten ist,
ist auch viel Licht.

Dieses Licht wird an Ostern sichtbar.
Dieses Jahr vielleicht mehr als sonst.

Ich spüre:
dieses Licht kommt in unsere Welt,
macht sie hell,
es bringt uns zusammen,
lässt uns manches doch gelingen,
und es macht mir Hoffnung.

Dieses Licht hört niemals auf.
Im Gegensatz zu den Schatten,
die uns davon überzeugen wollen,
im Gegensatz zur Welt,
die uns weiß machen will,
dass es nicht besser wird.

Dieses Licht ist der Anfang vom Ende,
vom Ende.

Der Herr ist auferstanden,
er ist wahrhaftig auferstanden,
und er wirft keinen Schatten;

Christus wirft keinen Schatten mehr.
– denn er selbst ist es,
das Licht.

Amen.

zum 1. Sonntag nach Epiphanias 2021.

Ich habe lange herum überlegt, wie ich den Predigttext, den ich gleich auch vorlesen werde, predigen soll. Es ist auch vom Kirchenjahr her überhaupt nicht eindeutig, wie das alles zusammenpasst. Denn: das eigentliche Thema für den 1. Sonntag nach Epiphanias ist die Taufe Jesu. Das haben Sie im Evangelium gehört, einen Anklang haben wir im Kollektengebet gebetet. Der Predigttext geht aber in eine völlig andere Richtung, denn dort geht es um eine etwas andere Sicht auf Gottes-Dienst, also wie man Gott dienen soll und um die verschiedenen Gaben einzelner Menschen und wie diese in der Gemeinde eingebracht werden sollen, wer genau was tun soll und so weiter.

Also, Taufe Jesu auf der einen Seite — und Gnadengaben, Charismen, Begabungen als Opfer-Dienst für Gott auf der anderen Seite.

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zum 3. Advent 2020.

Es ist 2023. Das Corona-Virus ist nicht besiegt. Nach dem harten Lockdown 2020/21 hat sich herausgestellt, dass es keinen Impfstoff geben wird. Und so leben alle Menschen seit über zwei Jahren im harten Lockdown. Diejenigen, die sich infiziert haben, sind teilweise gestorben, teilweise haben sie die Pflege der Erkrankten übernommen. Immun sind sie jedenfalls nicht.

Alles hat sich verändert. Einkaufen in Schichten zu festen Zeiten, die man im Voraus buchen muss. Manche findigen Geschäftsleute haben Lieferdienste gegründet und verdienen sich eine goldene Nase, zumindest solange, bis sich eine Mitarbeiterin angesteckt hat und alle in Quarantäne sind.

Die Schulen und Turnhallen wurden umgebaut zu Behelfskrankenhäusern, der Unterricht findet ohnehin nur noch digital statt.

Es ist einfach alles schief gegangen; wir haben’s nicht geschafft. Aus der ersten und zweiten Welle wurde ein hoffnungsloser Dauerzustand. Aus der freiheitlichen Gesellschaft wurde eine Gesellschaft im Exil.

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über das Fürbittengebet.

Fürbitten sind bereits seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil des abendländischen Messformulars und sind auch in anderen Gottesdienstordnungen fest verankert, in der byzantinischen Liturgie kommen sie in sehr ausführlicher Form vor.

Preces et Lacrimae
sunt arma huius Ecclesiae.

z.D. „Fürbitten und Tränen sind die Waffen dieser Kirche“; Inschrift an der am 16. November 1599 zerstörten evangelischen Salvatorkirche am Thalhof bei Rottenmann.

Fürbitte heißt, dass einE BeterIn für eineN andereN bei Gott um sein Eingreifen bittet. Die engagierte Fürbitte ist also auch ein Form des geistlichen Kampfes, wegen und gerade auch für die Mitmenschen. Die Praxis der Fürbitte zeigt, dass der christliche Glaube und sein Vertrauen und seine Hoffnung auf Erlösung nicht nur jedeN GläubigeN umfasst, sondern dass insbesondere das öffentliche Handeln der Kirche auch ein Dienst an der und für die Welt selbst ist.

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zum Reformationstag 2020.

Ein junges Ehepaar,
sie noch sehr jung,
er bereits ein gestandener Mann.
Und sie war schwanger.
Die Ereignisse überschlagen sich,
Krieg,
Vertreibung,
Flucht in ein fremdes Land.
Mit letzter Kraft erreichen Sie eine kärgliche Unterkunft.
Ob Sie die Nacht schaffen werden?
Das Kind ist geboren,
ein Schrei geht durch die Nacht.

Und Gott spricht:

Fürchte dich nicht!

Eine junge Auszubildende fängt gerade an.
Neue Situationen,
alles aufregend.
Neue Gerüche,
neue Gefühle,
neue Farben
und Formen
und Klänge.
Sie steht vor einer Gruppe erwachsener Männer
und soll ihnen was erzählen.
Ihr Herz klopft.
Sie fühlt sich klein.
Unwichtig.
Schwach.

Doch Gott spricht:

Fürchte dich nicht!

Das Gespräch mit dem Chef ist schon lange geplant.
Es geht um was!
Um Arbeitsplätze.
Um Umsätze.
Kurzarbeit droht.
Werden wir’s schaffen?
Im Frühjahr sind wir ziemlich entspannt durchgeschlittert.
Aber jetzt im Winter?
Es soll hart werden,
sagen sie,
wir müssen uns einschränken,
sagen sie.
Aber was ist mit den Großeltern?
Was ist mit Weihnachten?
Werden wir’s schaffen?

Trotzdem spricht Gott:

Fürchte dich nicht!

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zum zwölften Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Brüder und Schwestern!

Das ist eine für unsere Ohren ganz ungewöhnliche Anrede.

Meistens, und ich mache das ganz genauso, wird von diesem Pult „Liebe Gemeinde“ gesagt. Aber „liebe Gemeinde“? Bin ich nicht auch Teil der Gemeinde? Oder sind alle Diener an Wort und Sakrament der Gemeinde vorgesetzt, so wie ein ganz anderer Mensch, der gar nicht dazu gehört.

Wenn der Prediger sagt, „liebe Gemeinde“, müsste die Gemeinde dann Antworten mit „Lieber Prediger“ oder „Liebe Predigerin“?

„Liebe Brüder und Schwestern“ hat aber auch was.

Wenn ich Sie so anspreche, jede und jeden als meinen Bruder bzw. meine Schwester, dann sage ich damit, dass wir alle eine Familie sind. Dass wir eine gemeinsame Gruppe sind, dass wir zueinander gehören. Aber ich sage damit auch, dass wir gemeinsame Eltern haben, dass wir alle gemeinsam Kinder Gottes sind. Dass wir nämlich eins sind und eben nicht ich der Ihnen vorgesetzte Prediger und Sie die mir irgendwie untergebene Gemeinde, die ganz ganz brav zuhört.

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Nochmal zu Micha 7.

Soziale Missstände, Ausbeutung und die Bereicherung der Finanzelite; das sind die Themen, gegen die der Prophet Micha aus Moreschet angepredigt hat. Er sagt: „Weil ihr euch nicht nach den Geboten Gottes richtet, werdet ihr wegen eurer Sünden bestraft werden.“

Das ist die klassische alttestamentliche Theologie des „Tun-Ergehens-Zusammenhangs“. Tust du Gutes, widerfährt dir Gutes. Tust du Böses, widerfährt dir Böses. Gut kann man das Anhang der Hiob-Erzählung nachempfinden.

Micha bleibt aber nicht bei seiner Bestrafungs-Prophetie, sondern lässt auch immer wieder Hoffnung durchschimmern:

Mi 7,18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!
19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Unsere Sünden, unsere Schuld belastet unsere Beziehungen. Man wird misstrauisch, paranoid und hat Angst, entdeckt zu werden. Und deshalb haben wir Menschen auch, ganz nach dem Gesetz Gottes, die gerechte Strafe verdient. Den Tod nämlich.

Ich stelle mir bei diesem Text immer jemanden vor, der quasi meinen Schuldschein nimmt und auf dem Boden zertritt. Der meine ganze Schuld, die mein Herz herunterzieht, packt und ins Meer wirft.

Gott verharrt nicht in der Strafe.

Ja, er lässt uns Konsequenzen spüren, wenn wir nicht hinhören und sein lebendiges Wort nicht achten. Und da nimmt er auch kein i-Tüpfelchen weg von seinem Richterspruch.

Aber er liebt die Gnade. Am Ende der Zeiten kann ich in seine offenen Arme gehen, mit ihm eins werden. Bei ihm finde ich den einzigen, den wahren Frieden, die Freiheit von der Sünde und schließlich von mir selbst.

Noch aber leben wir im Hier und Jetzt. Vielleicht gelingt es uns aber, einerseits uns unserer Schuld bewusst zu machen, egal, ob gegen Gott oder gegen einen Mitmenschen. Und andererseits auf die unser enges Herz überwindende Gnade zu vertrauen, die dieser allumfassende und allmächtige Gott für uns bereit hält.

Amen.

zum dritten Sonntag nach Trinitatis.

manche Menschen, auch ich, stellen sich vor, dass schon nichts passiert, dass ihnen nichts passiert, dass man einfach so durchs Leben kommt, dass man immer einen Vorteil suchen kann, dass einen keine negativen Konsequenzen treffen würden. Zumindest kann man sich das gut einreden.

Dabei ist das doch gar nicht wahr. In diesem Universum hat alles seine Konsequenzen. Falschparken hat ein Knöllchen als Konsequenz, das Versäumen einer wichtigen Frist führt als Konsequenz zu unangenehmen Überraschungen, eine unüberlegte Entscheidung, ein leichtfertiges Wort kann eine Beziehung belasten oder sogar zerstören.

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zu Trinitatis

Jerónimo Cosida

Dies ist aber der katholische Glaube: Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit. Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes. Aber Vater und Sohn und Heiliger Geist haben nur eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Majestät. […] Wer daher selig werden will, muss dies von der heiligsten Dreifaltigkeit glauben.

Athanasisches Glaubensbekenntnis
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