zum Pfingstsonntag 2021.

Sie ist ein großes Wunder, niemand kann sie so recht erklären, warum sie da ist, wie sie sich entwickelt hat. Ich spreche von der menschlichen Sprache. Auf der Welt gibt es etwa 7000 Sprachen. Viele sind offensichtlich miteinander verwandt. Andere fallen irgendwie aus dem Raster und können nur sehr schwer auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen überprüft werden. Ebenso unklar ist es, warum der Mensch überhaupt spricht. Warum haben unsere Vorfahren irgendwann damit angefangen, zu sprechen? Mit dem Mund, den Lippen, den Zähnen, dem Gaumen und der Zunge Laute zu machen? Laut. Leise. In hoher Stimmlage. Oder tiefer Stimmlage. Sehr langsam und überdeutlich. Oder sehr schnell und dafür vielleicht ein wenig undeutlich.

Es gibt leichte Sprachen, es gibt schwere Sprachen, es gibt melodische Sprachen und rustikalere Sprachen. Als Kind aber habe ich mich aber oft gefragt, warum sprechen die Menschen überhaupt verschiedene Sprachen? Heute überlege ich mir manchmal, wie es wohl wäre, wenn ich kein Deutsch spräche. Wenn ich nichts mehr verstünde? Wie ein Fremder?

Die meisten von uns waren wohl schonmal im nicht-deutschen Ausland. Komisch, gell?

Oder wenn man irgendwo in einer Innenstadt ist und von „fremden“ Menschen angesprochen wird, die nach dem Weg suchen. Manche reden dann besonders laut: „Da vorne links, dann rechts und 100 Meter geradeaus, dann sind Sie da.“

Die Sprache ist ein Wunder!

Am Anfang der Welt, so erzählt es die Bibel, da war noch alles gut. Gott und die Menschen sprachen dieselbe Sprache. Der Mensch ist bei Gott im Garten Eden und sie leben dort gemeinsam. Sie haben sich verstanden.

Doch das ändert sich bald: Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis, schämen sich wegen ihrer Nacktheit, werden vertrieben. Ihr Sohn Kain erschlägt den Bruder Abel. Es kommt zur Sintflut, alles Leben stirbt wegen der Sünde, bis auf Noah. Und schließlich, als die Menschen sich gerade wieder angesiedelt haben, begehren sie erneut auf gegen Gott. Sie arbeiten zusammen, besprechen ihren Plan, einen Turm in den Himmel zu bauen:

II.

Lesung: Der Turmbau zu Babel (1. Mose/Gen 11, 1–9)

III.

An einem Montagmorgen Anfang Januar kam ich schon früh ins Büro. Ich war da schon irgendwie geladen. Ich kann nicht mehr genau sagen, warum, aber Sie können sich sicher vorstellen, dass die letzten Monate nicht immer so einfach waren.

Zwei Kolleginnen haben mich am Gang begrüßt und sich gewundert, warum ich so früh da war.

Das hat dann das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich hatte mich angegriffen gefühlt, fühlte mich in der Not, mich zu rechtfertigen. Was fällt denen eigentlich ein? Ich hab’ schließlich Gleitzeit, kann ich doch selbst entscheiden, wann ich zu arbeiten anfange, und außerdem bin ich der Fachbereichsleiter, was mischen die sich eigentlich ein! WAS GEHT DIE DAS AN?

Und so rauschte ich an den beiden vorbei, stapfte in mein Arbeitszimmer und fing an, zu arbeiten – immernoch sauer.

Nach einiger Zeit – mir lassen solche Situationen dann meistens keine Ruhe mehr – habe ich das Gespräch mit der einen Kollegin gesucht.

Gott sei Dank! Denn, wie sich herausstellte, war das alles ein Missvertständnis. Die beiden hatten mich eigentlich nur fragen, nicht angreifen, nicht kritisieren und sich schon gar nicht einmischen wollen.

Doch bei mir hatte sich irgendwie der ganze Stress der letzten Monate entladen. Und ja, auch etwas Frustration war mit dabei.

IV.

Wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren, dann ist es Glückssache, wenn sie einander verstehen.

Jeder Mensch geht mit seiner eigenen Sprache in ein Gespräch.

So bringe ich meinen Charater, mein Temperament, meine Vorgeschichte, so wie ich Sprache als Kind gelernt habe, so wie ich die Sprache verwende, meine Erziehung, so wie ich gerade drauf bin, wer eben auch gerade vor mir steht, worum es geht und so weiter; all das bringe ich mit in das Gespräch.

Aber natürlich nicht nur ich! Sondern auch mein Gegenüber bringt all das mit. Im einen Fall klappt das gut, unser jeweiliges Gepäck ergänzt sich – bzw. behindert sich wenigstens nicht –, wir verstehen einander gut und das Gespräch gelingt.

Im andern Fall passt es nicht zusammen. Man kann sich nicht riechen, das Gespräch ist zu Ende ist, bevor es angefangen hat. Wir verstehen einander nicht.

In solchen Begebenheiten zeigt sich die Zerworfenheit des menschlichen Lebens: Die Puzzlestücke im menschlichen Leben passen nicht immer zusammen.

Echte, aufrichtige und wahrhaftige Kommunikation wird schwierig,
wenn sie von Verletzungen,
Minderwertigkeitsgefühlen,
Ängsten
beeinträchtigt wird.

Wer,
nur wer könnte diese Zerworfenheit heilen?

V.

Der Geist von Gott weht wie der Wind
auf Flügeln voller Frieden;
Wie Atem, der uns Leben gibt,
hat er uns Ruh beschieden;
wie Luft, die im Sturme aufersteht,
dass alle Gewalt zu Ende geht,
und kühle Brise weht.

Der Geist von Gott wie Feuer brennt,
wie züngelnder Flammen Gebilde,
das Unrecht verzehrt und den Hass versengt,
wie Glut voll Treu und Milde:
ein Hoffnungsfunke in der Nacht,
ein tröstlich Licht, das über uns wacht,
das Liebe uns gebracht.

Verborgen wirket Gottes Geist
Mit sanften, zarten Händen,
wie Mutter uns die Wege weist,
wo Angst und Trauer enden:
sie gibt uns Mut hindurchzusehn
und aufeinander zuzugehn,
umhüllt uns mit Verstehn.

Susanne Kramer

VI.

Jesus ist in den Himmel aufgefahren.
Dann Pfingsten.
Er sendet seinen Heiligen Geist.

Beim Turmbau zu Babel wurden die Menschen verwirrt.
Die Sprachen wurden durcheinander gebracht.
Das Verstädnis der Menschen untereinander wurde beschädigt.
Echte, aufrichtige und wahrhaftige Kommunikation wurde unmöglich.

Doch nun Pfingsten.
Er sendet seinen Heiligen Geist.

Der wie ein Sturm daherkommt.
Wie ein Feuer.
Die Herzen anzündet.
Die Menschen tröstet.
Wie ein herbeigerufener Retter.

Doch an Pfingsten.
Sendet er seinen Heiligen Geist.

Vereint die Sprache.
Gibt den Aposteln Verständnis.
Jede hört, wie sie’s am besten versteht.
In ihrer eigenen Sprache.

So auch heute.
Erhalten wir seinen Heiligen Geist.

Der unsere Sprache vereint.
Der alles überwindet
Ängste,
Verletzungen,
Minderwertigkeitsgefühle.
Der die Zerworfenheit heilt.
Der die Gespaltenen vereint.
Der die Liebe bringt.

So eben auch heute.
Erhalten wir seinen Heiligen Geist.

Einen Tröster.
Einen Übersetzer.
Einen Verständiger.

Auf den Heiligen Geist zu hören
heißt auf Gott zu hören.

Denn er lehrt uns verstehen.

Amen.


Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.