zum Reformationstag 2020.

Ein junges Ehepaar,
sie noch sehr jung,
er bereits ein gestandener Mann.
Und sie war schwanger.
Die Ereignisse überschlagen sich,
Krieg,
Vertreibung,
Flucht in ein fremdes Land.
Mit letzter Kraft erreichen Sie eine kärgliche Unterkunft.
Ob Sie die Nacht schaffen werden?
Das Kind ist geboren,
ein Schrei geht durch die Nacht.

Und Gott spricht:

Fürchte dich nicht!

Eine junge Auszubildende fängt gerade an.
Neue Situationen,
alles aufregend.
Neue Gerüche,
neue Gefühle,
neue Farben
und Formen
und Klänge.
Sie steht vor einer Gruppe erwachsener Männer
und soll ihnen was erzählen.
Ihr Herz klopft.
Sie fühlt sich klein.
Unwichtig.
Schwach.

Doch Gott spricht:

Fürchte dich nicht!

Das Gespräch mit dem Chef ist schon lange geplant.
Es geht um was!
Um Arbeitsplätze.
Um Umsätze.
Kurzarbeit droht.
Werden wir’s schaffen?
Im Frühjahr sind wir ziemlich entspannt durchgeschlittert.
Aber jetzt im Winter?
Es soll hart werden,
sagen sie,
wir müssen uns einschränken,
sagen sie.
Aber was ist mit den Großeltern?
Was ist mit Weihnachten?
Werden wir’s schaffen?

Trotzdem spricht Gott:

Fürchte dich nicht!

Lesung des Predigttextes.

Mt 10, 26b-33 HFA

II.

Liebe Gemeinde,

Was ist das für eine fürchterliche Zeit?
Es geht um Alles:
Arbeitsplätze,
soziale Kontakte,
Nähe
und Zuwendung –
um unsere Gesundheit
und die unserer Mitmenschen.

Sehr vieles ist schwerer geworden.

Nicht einmal das Lächeln oder die Mimik anderer Menschen können wir gut erkennen.
Vielen fällt das Atmen schwer.
Viele haben wir schon lange nicht mehr umarmt.
Oder überhaupt gesehen.

Ich denke an die Horrorszenarien, die VirologInnen und PolitikerInnen zeichnen.
Ich denke an die Medien,
die ihr Übriges dazu tun.
An die Schauermärchen,
die die QuerdenkerInnen und alles infrage-Stellenden verbreiten.

Das kann einem wirklich das fürchten lehren.

Und dabei habe ich noch gar nicht von der echten Bedrohung angefangen!
Diese so genannte schlimmste Krise seit dem zweiten Weltkrieg hat ja einen konkreten Grund.

Fürchte dich nicht!

sagt er.

„Furcht“, dieses Wort ist hier ganz angebracht.
Furcht meint eine Bedrohung von außen,
eine echte reale Bedrohung,
wie ein bedrohliches Tier, das vor einem steht,
oder eben ein bedrohliches Partikel,
das für manche Menschen gefährlich sein könnte.
Und das ist furchtbar, alles furchtbar.

All die Toten weltweit
und die Erkrankten auf unseren Intensivstationen,
für all die Menschen,
zu denen wir Abstand halten müssen.
Für die Restaurantbesitzer,
für die Fitnessstudio-Betreiber,
für die Mitarbeiter und Angestellten.

Alles furchtbar.

III.

Viele haben Angst
all die Dinge,
die jetzt auf uns zukommen
– könnten.

Es ist alles ungewiss,
weil niemand genau sagen kann,
wie es weitergeht.
Wir können nur auf Sicht durch den Nebel fahren.

Es gibt keine Garantie.

Aber ich habe Angst!
Und ich habe mich da auch schon hineingesteigert.

Meine „Angst“ kommt von innen
durch meine Gedanken.
Ich male mir das aus,
was alles passieren könnte.

Das hat vermutlich gar nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun
oder ich übertreibe und steigere mich rein.

Denn Angst ist nicht immer rational.

IV.

Er sagt:

Fürchte dich nicht! Hab keine Angst!

Ja aber!?

Die Prognosen sehen düster aus
Auch die über die Zukunft der Kirche.
Wir werden kleiner werden.
Wir werden ärmer werden.
Vielleicht werden wir sogar verschwinden,
die Kirchen leerer,
vielleicht entwidmet,
irgendwann als Hotel, Wohnhaus oder als Café genutzt,
oder abgerissen.
Schauen Sie sich bundesweit um.
Irgendwann wird dieser Trend auch bei uns ankommen.

Dazu:
Wie wird es nach Corona aussehen?
Wenn wir – schätzungsweise –
mindestens 2 Jahre brauchen werden
bis der Herdenschutz greift
bis genügend immun sind?
Werden wir
nach dieser langen Zeit
wirklich allen Ernstes da weitermachen,
wo wir aufgehört haben?

Werden wirklich wieder hunderte von StudentInnen
in einem Hörsaal zusammensitzen,
ohne jeden Abstand?
Werden wir wirklich nicht mehr darüber nachdenken,
wenn jemand in unserer Umgebung hustet oder niest?
Werden wir wirklich wieder Menschenmassen aufsuchen,
Festivals?
Werden wir die Masken wirklich wieder absetzen?
Werden wir wieder so Kirche leben wie vorher?

Wird die Kirche,
wird unsere Gesellschaft
nach Corona dieselbe sein wie vor Corona?

Kommen wir da überhaupt wieder raus?

Diese Fragen machen mir Angst.
Denn diese ganze Krise hat großes Potential,
alles – aber auch wirklich alles – zu verändern
vor allem, wenn nichts wieder wird wie zuvor.

Trotz dessen, dass sich vielleicht vieles zum Guten wendet,
zum Beispiel was die Digitalisierung angeht,
manches aber vielleicht auch zum Schlechten,
was Arbeitsplätze angeht.

Wie gerne würde ich sagen,
alles kein Ding,
alles kein Problem,
Gott wird es schon richten,
ich brauch mich nicht fürchten.

Aber ich tu’s doch.

V. 29 Welchen Wert hat schon ein Spatz?
Man kann zwei von ihnen für einen Spottpreis kaufen.
Trotzdem fällt keiner tot zur Erde,
ohne dass euer Vater davon weiß.

Fürchtet euch nicht!
Habt keine Angst!

Mt 6, 26 Seht die Vögel unter dem Himmel an:
Sie säen nicht,
sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen;
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Fürchtet euch nicht!
Habt keine Angst!

Jer 1,8 Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir
und will dich erretten,
spricht der HERR.

Trotz aller Furcht und aller Angst:

Gott sorgt für mich,
genau wie für die Jünger,
selbst dann,
wenn ich vor Angst gelähmt bin

Gott sorgt für mich,
genau wie für die Jünger,
selbst dann,
wenn es ausweglos scheint.

Gott sorgt für mich,
genau wie für die Jünger,
selbst dann,
wenn die Furcht mich überrennt.

V.

Martin Luther schrieb über die Pest in Breslau 1727:

“So will ich zu Gott bitten, dass er uns gnädig sei und wehre. Danach will ich auch räuchern, die Luft reinigen helfen, Arznei geben und nehmen. Orte und Personen meiden, da man meiner nicht bedarf, auf dass ich mich selbst nicht verwahrlose und dazu durch mich vielleicht viele andere vergiften und anstecken und ihnen so durch meine Nachlässigkeit Ursache des Todes sein möchte. Will mich indes mein Gott haben, so wird er mich wohl finden, so habe ich doch getan, was er mir zu tun gegeben hat, und bin weder an meinem eigenen noch an anderer Menschen Tode schuldig. Wo aber mein Nächster mein bedarf, will ich weder Orte noch Personen meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen, wie oben gesagt ist. Siehe, das ist ein rechter, gottesfürchtiger Glaube, der nicht dummkühn noch frech ist und auch Gott nicht versucht.“
(Luther, Martin – Ob man vor dem Sterben fliehen möge)

Gott sendet uns in diese Welt.
So wie Jesus seine Jünger.
Und aktuell ist es so,
dass diese Welt schlimm ist.
Wir brauchen uns nicht zu fürchten
und auch keine Angst zu haben.
Wir tun, was wir können,
mehr geht ohnehin nicht.
Wir sind wie Jesu Jünger,
die Zeugnis ablegen sollen,
die ihn bekennen sollen.
Wenn Gott zu uns spricht,
dann sollen wir es weitergeben.
Jeder einzelne,
in unseren Familien
und an unseren Arbeitsplätzen.
Denn Gott ist für uns da.

Das heißt:
selbst wenn!
Selbst wenn!
Wir haben einen Fürsprecher im Himmel,
einen Tröster schon auf Erden.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.

Selbst wenn!

Denn ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes
noch irgendeine andere Kreatur
uns scheiden kann
von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn.

Röm 8, 38f.

Amen.

Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

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