zum zwölften Sonntag nach Trinitatis.

Liebe Brüder und Schwestern!

Das ist eine für unsere Ohren ganz ungewöhnliche Anrede.

Meistens, und ich mache das ganz genauso, wird von diesem Pult „Liebe Gemeinde“ gesagt. Aber „liebe Gemeinde“? Bin ich nicht auch Teil der Gemeinde? Oder sind alle Diener an Wort und Sakrament der Gemeinde vorgesetzt, so wie ein ganz anderer Mensch, der gar nicht dazu gehört.

Wenn der Prediger sagt, „liebe Gemeinde“, müsste die Gemeinde dann Antworten mit „Lieber Prediger“ oder „Liebe Predigerin“?

„Liebe Brüder und Schwestern“ hat aber auch was.

Wenn ich Sie so anspreche, jede und jeden als meinen Bruder bzw. meine Schwester, dann sage ich damit, dass wir alle eine Familie sind. Dass wir eine gemeinsame Gruppe sind, dass wir zueinander gehören. Aber ich sage damit auch, dass wir gemeinsame Eltern haben, dass wir alle gemeinsam Kinder Gottes sind. Dass wir nämlich eins sind und eben nicht ich der Ihnen vorgesetzte Prediger und Sie die mir irgendwie untergebene Gemeinde, die ganz ganz brav zuhört.

II

Aber ist das wirklich so?

Eigentlich weiß ich doch gar nicht, ob Sie mit mir eine Familie sein wollen! Ob Sie mich wirklich mögen! Und Sie wissen das von mir auch nicht!

Vielleicht mögen Sie eine andere Predigerin viel lieber als mich, vielleicht predige ich ja auch viel lieber in einer anderen Gemeinde?
Ich will damit keine Sinnkrise anstiften, ich denke, das passt alles so für uns, sonst wären wir nicht hier! Also keine Sorge, ich mache mir jedenfalls keine.

Das, was ich hier skizziert habe, trifft auf alle Gruppen zu; es gibt immer die einen und die anderen. Es gibt auf der einen Seite die, die vorne dranstehen. Jeder hat seine Fans und jeder hat auch seine Feinde.

Unter Christen gibt es Menschen bzw. Prediger, die die Massen mobilisieren, die mit gewaltigen Worten das Evangelium verkünden. Und die sagen dann vielleicht, dass der christliche Glaube auf eine bestimmte Art und Weise gelebt wird. Vielleicht ist ihnen dann das Gebet sehr wichtig. Oder eher die Meditation. Oder die Musik. Oder sie vertreten eine besondere Meinung. Oder lehnen eine besondere Meinung lautstark ab.

Und es gibt andere da ist es eben völlig anders. Die empfehlen eine andere Praxis, andere Gebete, andere Lieder, andere Haltungen.

Man sagt, wenn man drei Theologen, sieben Meinungen, und dieser Spruch hat auch seinen Sinn.

III

Ich kann von mir selbst auch erzählen, als ich 2011 neu in diese Gemeinde gekommen bin, hat Herr Metzger mir alles gezeigt, den Treff.Lobpreis z.B. und ich war ja dann auch relativ schnell in der Jugendarbeit involviert habe die Spiritualität von den vielen Jugendgottesdiensten kennengelernt, ganz verschiedene Strömungen, charismatisch-evangelikal aber auch konservativ. Auch im Studium gab es solche und solche, junge Theologinnen, die sich von einem Buddha-Anhänger Glück versprochen haben zum Beispiel. Und ich habe auch Theologen kennengelernt, die alles Konservative und Alte rundheraus abgelehnt haben, die alles anders machen wollten.

Ich hab mir das alles angekuckt und was ich am schönsten finde, können Sie vielleicht schon erahnen: klassischer Gottesdienst im so genannte abendländischen Messformular, mit normaler „alter“ Liturgie und schönen Chorälen, die meistens auch alt sind. Aber ich halte es da wie mit gutem Rotwein, alten Autos und Menschen: Das Alter ist hier niemals ein Mangel.

Andere Prediger mögen es vielleicht etwas freier, vielleicht etwas weniger „alte“ Liturgie, neuere Lieder. Die finden dann möglicherweise meine von mir so geliebte alte Liturgie zu katholisch oder zu trocken – das hat jedenfalls meine Cousine über die hier in Bayern übliche Liturgie gesagt. Umgekehrt finde ich die maximal freie Liturgie stressig und verunsichernd, weil ich da irgendwie keine Struktur sehe. Aber das nur nebenbei.

IV

In der jungen Christengemeinde in Korinth jedenfalls war es ganz ähnlich.

Auf der einen Seite gab es die Anhänger des Apollos: »Wir halten uns an Apollos!« Und es gab die Fans des Paulus: »Wir gehören zu Paulus!« Und schließlich gab es die Befürworter des Simon Petrus: »Wir hören auf Kephas!«

Die drei waren in der Lehre wohl unterschiedlich und ich kann mir gut vorstellen, dass einige dem Paulus angehangen sind, der die Gemeinde gegründet hat, andere wiederum sind dem Kephas nachgelaufen, der Jesus direkt nach der Auferstehung gesehen hat und schließlich manche auch dem Apollos, der vielleicht nicht so genau über das Evangelium informiert war, aber vielleicht manches anders gemacht hat und auch so seine Anhänger um sich scharte.

V

Und genau das ist es, wogegen sich Paulus gewandt hat: Die Parteiung, die Spaltungen in der Gemeinde!

Die Zersplitterung in die Paulus-Jünger, Kephas-Jünger und Apollos-Jünger ist rein menschlich. Und sehen Sie ich sagte „Jünger“!

Es ist Menschenweise, wenn die Gemeinde in Eifersucht und Streit zerbricht, wenn man sich darüber streitet, welche Partei die Richtige ist, welche „Jünger“ die „Richtigen“ sind.

Wer ist denn dieser Apollos? Wer ist denn dieser Paulus? Wer sind denn diese Predigerinnen und Prediger in unserer Gemeinde? Diener sind sie! Diener sind wir! Und nichts sonst.

Es mag sein, dass verschiedene Menschen verschiedene Fans anziehen. Und es mag auch so sein, dass das Manchen auch ziemlich gut gefällt!

Die Mitarbeiter der Gemeinde dienen Christus durch ihre Arbeit. Christus ist das Haupt der Kirche, das Haupt des Leibes und die Mitarbeiter und die ganze Gemeinde sind Glieder am Leib.

Die Mitarbeiter vermitteln vielleicht den Glauben, sie sind vielleicht sowas wie Geburtshelfer, die den Glauben pflegen und sich kümmern.

Aber ihretwegen darf man keinen Streit anfangen!

Wenn Paulus aber von der Weiterentwicklung spricht, die man als Christ durchmacht, dann meint er damit nicht, dass man sich von der menschlichen, fleischlichen Natur in eine noch menschlichere und noch fleischlichere begibt. Wir sollen vielmehr begreifen, dass Apollos und Kephas und Paulus nur Wegbereiter sind. Die Gemeinde ist der Acker und die Mitarbeiter bearbeiten den Acker in Gottes Auftrag. Aber ohne Gott, dem der Acker gehört, ist alles wertlos.

VI

Ich spreche immer gern von unserem „Sandkasten“. Ob ich jetzt gern Sandkuchen baue oder nicht, ob ich lieber rummansche mit dem Sand werfe, oder ob ich einfach gern am Sandkasten sitze und beobachte und die Sonne genieße. Es ist und bleibt ein Sandkasten.

Und dieser menschliche Sandkasten ist einfach nicht das Zentrum der Welt; er wird auch nicht mehr zum Zentrum, wenn ich mich mit einem anderen Kind darüber streite, ob die gelbe oder die rote Schaufel zum Sandburgbauen wichtig ist oder ob es ganz egal ist, womit man den Sand wirft.

Das alles ist eine Sandkastendiskussion, eine menschliche Diskussion. Sand, Schäufelchen, richtig und falsch, das sind menschliche Kategorien. Ganz genauso wie unsere Diskussionen, ob man frei und laut beten können muss, ob Zungenrede gut und richtig ist oder eben nicht, ob die neuen oder die alten Lieder gesungen werden, ob dies oder das oder jenes.

Es ist alles gleich falsch und richtig.

Die wahre Autorität, das Zentrum des Universums, das ist und bleibt Jesus Christus. Da kann der Mensch wollen und wollen, es wird sich nicht ändern.

Und die Mitarbeiter der Gemeinde, die haben nur den Auftrag, die Menschen dahin zu bringen. Ja, die werden wirklich gebraucht, aber wer im Glauben erwachsen geworden ist, der begreift, dass es darum überhaupt nicht geht, es geht allein um Christus Jesus.

Und wenn eine Mitarbeiterin oder ein Prediger darauf hinweist, auf die Macht Gottes, dann ist es gut so, wie es ist. Dann kann freilich jeder „Seins“ suchen und finden, aber es ist nichts besser als das andere. Und man sollte nicht eine Art der Frömmigkeit gegen eine andere ausspielen und damit Jesus in seiner Macht klein machen.

Deshalb ist es gut und richtig, von Brüdern und Schwestern zu sprechen.

Es gibt ja folgenden Witz:

Manche Menschen kann man lieb haben;
bei manchen Menschen muss der liebe Gott helfen, damit man sie lieb haben kann;
und andere Menschen muss der liebe Gott allein lieb haben.

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind nicht alle gleich und es ist nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen. Aber wir sind die von Gott geliebten Kinder! Alle miteinander. Und wie wir den Glauben leben, das ist völlig unterschiedlich, da gibt es keine genauen Regeln. Entscheidend ist, für wen wir den Glauben leben. Und ich wünsche mir für mich selbst und uns alle, dass wir immer auf Jesus Christus schauen, weg von den Menschen, dass wir sehen, worum es in dieser unseren Kirche wirklich geht.

Wenn wir also sagen: Liebe Brüder und Schwestern, dann betonen wir genau das. Wir sind alle Brüder und Schwester, und unser Vater ist der Allmächtige Gott, der seinen einzigen Sohn nur für uns hingegeben zu unserer Erlösung.

Nicht sonst zählt.

Denn 1Kor 3, 20b »der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.« 21 Darum rühme sich niemand eines Menschen; denn alles ist euer: 22 Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, 23 ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Siehe auch: https://kirche-altensittenbach.de/blog/2020/08/30/wenn-corona-will-steht-noch-manches-still-update-168-vom-30-08-2020/

Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.