zum 12. Sonntag nach Trinitatis.

Praktisch jede Geschichte funktioniert so: Da gibt es erstens das arme, wehrlose Opfer. Denken Sie nur an Dornröschen, Rotkäppchen oder Rapunzel. Und andererseits gibt es den finsteren Bösewicht, der das Opfer bedroht: Die böse Fee, die Dornröschen verflucht; der böse Wolf, der das Rotkäppchen und seine Oma auffrißt, oder die Zauberin, die die die Tochter aus Rache für den Gartendiebstahl entführt. Und drittens ist da dann der glorreiche, strahlende Held: Der ritterliche Prinz, der Dornröschen aus dem Tiefschlaf erwecken kann; der Jäger, der Rotkäppchen und Großmutter aus dem Bauch des Wolfes befreit; und schließlich: der Königssohn, der Rapunzel aus der Wüstenei in sein Königreich rettet.

Die Bibel ist voll von solchen ähnlichen Erzählungen und gerade auch um Jesus gibt es einige Heldengeschichten. Heute geht es um die Heilung des Taubstummen, im Evangelium nach Markus, Kapitel 7, und ich lese in meiner eigenen Übersetzung:

Mk 7, 31–37 (eigene Übersetzung)

Mk 7, 31 Und wieder ging er aus dem Gebiet Tyrus durch Sidon an den See von Galiläa mitten ins Gebiet der Zehn-Stadt. 32 Und sie tragen einen Taubstummen zu ihm und bitten ihn um Hilfe, dass er ihm die Hand auflege. 33 Und er nimmt ihn vor der Menge beiseite, legt ihm seine eigenen Finger ins Ohr und berührt seine Zunge mit Spucke. 34 Und er blickt in den Himmel, stöhnt und spricht zu ihm: “Effata!”, das heißt: “Öffne dich!”. 35 Und sofort öffneten sich seine Ohren und es löste sich die Lähmung seiner Zunge und er sprach richtig. 36 Und er verbot ihnen, darüber zu sprechen. Aber je mehr er es ihnen verbot, umso viel mehr machten sie es bekannt. 37 Und über alle Maßen staunten sie und sagten: ”Er machte alles gut, er macht die Tauben hören und die Stummen reden.“

II. Krankheit als solches, Ursache von Sünde

Das Opfer ist der Taubstumme, der Bösewicht ist die Krankheit, vielleicht ein Dämon, ein böser Geist. So ist es oft. Die Evangelien berichten von vielen, die Jesus heilt: Gelähmte, Epileptiker, Aussätzige, Blinde und viele andere mehr. Und Jesus heilt sie, Jesus ist der Held in diesen Geschichten, weil er die Menschen gesund macht.

Nach dem alten Testament folgt Krankheit immer aus Schuld. Und Schuld bemißt sich nach dem Gesetz. Das heißt, Sünde und Schuld machen krank. Im alttestamentlichen Sinne sind damit ganz konkrete Übertretungen gemeint: Wer gegen die zehn Gebote verstößt, oder gegen die hunderten jüdischen Vorschriften, der wird mit Krankheit oder Schlimmerem bestraft.

Besonders gut zu sehen ist das im Buch Hiob: Hiob wird alles genommen, Frau, Kinder, Eigentum und schließlich auch seine Gesundheit. Und seine Freunde sagen ihm, sinngemäß: ”Du wirst schon etwas getan haben, sonst wäre dir das nicht passiert, sonst wärst du jetzt nicht krank.“ Sünde – das habe ich ja schön öfter gesagt, aber ich will es nochmal betonen – meint aber vor allem eine gestörte Gottesbeziehung. Wer sündigt, wer sich absondert, der trennt sich ab von Gott. Es geht also im eigentlichen Sinne nicht um ganz konkrete Übertretungen. Es geht um das gestörte Verhältnis zu Gott und zu den Menschen.

Für unsere modernen Ohren scheint das geradezu grausam: Krankheit als Strafe!? Dabei haben wir doch eigentlich den absolut bestrafenden Gott hinter uns gelassen. Das ist auch weitgehend richtig. Aber in der Antike wurde das so gesehen, deshalb sind die Evangelien so geschrieben. Wir müssen also einen Schritt weitergehen, denn das eigentliche Wunder ist ja überhaupt nicht die Heilung von Krankheiten selbst sondern etwas völlig anders.

III. Heilungsgeschichten sind Vergebungsgeschichten

Jesus hat den Zorn der jüdischen Behörden auf sich gezogen. Zum einen, weil er in den Augen der Pharisäer und Schriftgelehrten die Gesetze missachtet hat. So hat er am Sabbat geheilt und Ähren gerauft. Aber da war noch etwas anderes, was man ihm vorgeworfen hat, und zwar handfeste Gotteslästerung. Denn er hat nicht nur geheilt und böse Geister ausgetrieben. Er hat auch die Sünden vergeben bzw. die Sündenvergebung zugesprochen. In den Augen der Schriftgelehrten war das vermutlich das wesentlich Schlimmere: er hat sich Gott gleich gemacht. Wer kann denn auch sonst das Urteil Gottes aufheben? Doch nur Gott allein?

Hier geschehen also zwei Dinge:

  1. Jesus vergibt die Sünden, weil er der Sohn Gottes ist. Denn er hält die Vollmacht dazu in seinen Händen.
  2. Und weil die Sünden vergeben sind, wird die Krankheit geheilt.

So muß man die Heilungsgeschichten verstehen: Sie sind immer auch Heilungsgeschichten im ganzheitlichen Sinn. Auf der körperlichen Ebene werden Menschen sehend, hörend, redend gemacht. Aber auf der geistlichen Ebene wird die Ursache, der Grund, der Nährboden der Krankheit weggenommen: eben die Sünde.

IV. Kosmische Macht Jesu

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Punkt, denn die Heilungsgeschichten sind nur die Spitze des Eisbergs: es geht in all diesen Geschichten um die kosmische Vollmacht Jesu. Wir leben alle in Kausalitäten, in Ketten von Ursache und Wirkung. Auf A folgt B und darauf folgt C. Für die Bibel folgt auf die Sünde, die gestörte Gottesbeziehung, die Krankheit, der Tod.

Würde man die Evangelien heute verfassen, so würden wir das vielleicht anders beschreiben. Aber das ist, wie ich schon gesagt habe, der Nährboden, auf dem die Evangelien von Jesus erzählen. Die Kausalitätskette in diesem Universum läuft für uns Menschen immer in eine Richtung, die Zeit läuft immer in eine Richtung: nämlich vorwärts.

Ein ganz praktisches Beispiel: Wegen einer Dummheit ist mir letzte Woche ein Parkschaden passiert. Beim rückwärts Ausparken habe ich ein anderes Auto erwischt. Der Auslöser, die Ursache, war nur ganz klein, aber die Wirkung setzt ein und ich kann jetzt nichts mehr dagegen tun. So ist es für uns Menschen.

Doch für Gott ist nichts unmöglich. Jesus und Gott können die Kausalitäten umkehren, können die Gründe für Dinge aufheben. Die kosmische Macht Jesu ist es also, dass er diese Kette ändern kann.
Das tut er, wenn er heilt. Für alle sichtbar macht er die Menschen gesund. Aber er greift in die Gottesbeziehung ein, er vergibt die Schuld, die vor der Krankheit war. Und damit entzieht er der
Krankheit die Existenzgrundlage.

V. Wird denn alles wieder gut?

Bleibt die Frage: Wird alles wieder gut? Das Volk sagte im Predigttext: ”Er machte alles gut, er macht die Tauben hören und die Stummen reden.“ Ich weiß genau, so einfach ist es nicht. Ich habe Situationen erlebt, die mich haben zweifeln lassen. Ich habe Menschen erlebt, die mich haben zweifeln lassen. Ich schaue in die Nachrichten und bekomme Zweifel.

Fernando Sabino hat einmal gesagt: ”Am Ende wird alles gut; und wenn noch nicht alles gut ist, ist es es noch nicht das Ende.

Das Thema für den heutigen Sonntag lautet: ”Die Krankenheilung.” Das meint ganz sicher nicht nur die einzelnen Kranken, die geheilt werden. Da geht es um mehr, das große Ganze. Und ich glaube schon, daß trotz allem Zweifel alles gut werden kann. Daß Jesus unser aller Gottesbeziehung wieder repariert. Daß er diesen Graben der Ab-sond-erung über-brückt.

Er entscheidende Punkt ist, daß wir zu Jesus hin müssen. Daß wir uns an ihn wenden müssen, dass wir ihn bitten müssen. Dann kann er in unser Leben eingreifen, uns verändern, unsere Sünde, unsere Trennung, aufheben und alles miteinander verbinden, kleben, kitten, was zerbrochen ist. Zwischen uns und Gott, und zwischen uns und unseren Mitmenschen.

Und dann, wenn der Grund für all die Krankheit in der Welt, der Grund für die Taubheit, die Stummheit, die Blindheit in diesem Kosmos aufgehoben ist, dann wird es die große Krankenheilung geben, da alles eins wird. Da wird dann das Reich Gottes mitten unter uns sein.
Bis dahin können wir nur zu Jesus bitten: ”Herr, ich bin daß du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund.“

Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

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