zum 2. Sonntag nach Christfest 2020.

I.

Wir gehen jedes Jahr nach Jerusalem zum Pessachfest, so wie auch alle meine Freunde. Ungefähr 140 km sind das jedes Mal – mindestens, wenn wir nicht einen Umweg gehen müssen! Drei bis vier Tage sind wir da etwa zu Fuß unterwegs. Das ist immer mega anstrengend.

Dieses Fest ist aber auch eines der wichtigsten Feste für uns Juden. Wir denken dabei jedes Jahr an unsere Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Denn an dem Tag, da wir aus Ägypten geführt wurden, hat der Gott der HERR Mose geboten, einjährige Ziegen- oder Schafjunge zu schlachten, mit bitteren Kräutern zu braten und bis zum Morgen vollständig aufzuessen. Das Blut sollte dann an die Türpfosten und den Türsturz gestrichen werden. In derselben Nacht wurde in ganz Ägypten jeder Erstgeborene getötet und daraufhin hat der Pharao das Volk Israel freigelassen und ihnen noch wertvolle Kleidung und silberne und goldene Geräte gegeben.

Daran denken wir jedes Jahr zum Pessachfest. Zur Schlachtung der Tiere sind wir im Tempel, nehmen dann aber unser Teil und bereiten es zuhause zu und essen es mit den Nachbaren mit Wein und viel Gesang auf.

Normalerweise machen wir uns nach dem Fest immer gleich auf den Heimweg; das finde ich aber ziemlich blöd und deshalb habe ich mir dieses Jahr etwas überlegt. Irgendwie zieht es mich nämlich immer wieder in den Tempel. Da fühle ich mich einfach zuhause, ganz anders als bei meinen Eltern. Denn hier bin ich meinem eigentlichen Vater ganz arg nahe. Und dieses Jahr will ich dort bleiben und mit endlich mit den Schriftgelehrten sprechen. Schließlich bin ich alt genug!

Heute wird eine Prophezeiung des Propheten Jesaja vorgelesen, im 61. Kapitel:

Lesung: Jes 61

Die frohe Botschaft von der kommenden Herrlichkeit

1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden «Bäume der Gerechtigkeit», «Pflanzung des HERRN», ihm zum Preise. 4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben.

[[ 5 Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein. 6 Ihr aber sollt Priester des HERRN heißen, und man wird euch Diener unsres Gottes nennen. Ihr werdet der Völker Güter essen und euch ihrer Herrlichkeit rühmen. 7 Dafür, dass mein Volk doppelte Schmach trug und Schande ihr Teil war, sollen sie doppelten Anteil besitzen in ihrem Lande und ewige Freude haben.
8 *Denn ich bin der HERR, der das Recht liebt und Raub und Unrecht hasst; ich will ihnen den Lohn in Treue geben und einen ewigen Bund mit ihnen schließen.]]

9 Und man soll ihr Geschlecht kennen unter den Heiden und ihre Nachkommen unter den Völkern, dass, wer sie sehen wird, erkennen soll, dass sie ein Geschlecht sind, gesegnet vom HERRN.

10**Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11* Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Heidenvölkern.*

II.

„Dieses Kind!“ schrie Josef, „Einen Tag sind wir heimgelaufen und haben ihn überall in der Karawane gesucht – wir waren ja fast schon daheim! Und dann mussten wir einen Tag lang wieder zurück nach Jerusalem laufen, nur um den feinen Herrn im Tempel zu finden, wie er mit den ganzen Schriftgelehrten dort diskutiert hat.“

„Wir hatten solche Angst!“ weinte Maria, „was ihm da alles hätte passieren können in der großen Stadt!“

„Ich meine, wir haben schon angenommen, dass das mit ihm nicht ganz einfach würde, denken Sie nur mal an die Umstände seiner Geburt. Himmlische Chöre, jauchzen im Ehre und drei wunderliche ältere Herren aus Fernost. Was zum ––– was fängt man denn bitte mit Myrrhe an? Das Gold konnten wir gut gebrauchen, aber Myrrhe?“

„Man räuchert damit, genau wie mit Weihrauch, Josef,“ erklärte Maria und rollte mit den Augen.

„Wie – dem – auch – sei. Unser Sohn treibt uns noch in den Wahnsinn. Er kann doch nicht einfach mit den ganzen alten Männern im Tempel diskutieren! Mega peinlich! Der hat das ja gar nicht studiert und ist viel. Viel zu jung. Schuster bleib bei deinen Leisten, sag ich immer, Schuster bleib bei deinen Leisten; äh Zimmerer bleib bei deinen Hämmern und Nägeln. Kann er nicht einfach ein guter, einfacher, armer Zimmermann werden?“

Maria seufzt: „Oh Josef! Haben wir diese Diskussion nicht schon tausende Male geführt?“

„Maria! Du hast viel zu viel Verständnis für den Knaben! So lange er seine Füße unter meinen Tisch hat, so lange gel–“

„Siehst du? Sag ich doch! Du wiederholst dich! Und außerdem weißt du doch, Josef…“

„Ja, er hat irgendwie kein Talent als Zimmermann, ich weiß. Aber irgendwas muss er doch tun, er muss doch sein Geld verdienen, oder soll er Wanderprediger werden wie sein Cousin Johannes, der sich nur von Heuschrecken und Honig ernährt und in der Wüste lebt? Ich bitte dich! Er muss was anständiges Lernen, so wie ich, ein guter Zimmermann sein und mehr nicht.“

Maria, die tief in sich spürte, dass es mit dem Kind etwas besonderes auf sich hatte, antwortete: „Du wirst schon sehen, ER hat Großes mit ihm vor und einen Plan für ihn. Mach’ dir keine Sorgen!“

Lesung: Lk 4, 16ff.

Jesu Predigt in Nazareth
16Und [Jesus] kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf, um zu lesen.
17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2): 18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«
20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn.
21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.
22 Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“

III.

In der Sitzung des hohen Rates der jüdischen Synagoge in Nazaretham 24. Nisan im Jahre 3785, Tagesordnungspunkt 8:

Wie ihr wisst, kam es beim vorigen Gottesdienst zu einem Zwischenfall in der Synagoge. Ein gewisser Jesus, Sohn des Zimmermanns Joseph, hat aus dem Buch des Propheten Jesaja gelesen:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Darauf hin hat er gepredigt und gesagt, dass dies vor unseren Ohren erfüllt sei.

Jaaaaaa, sicher, wir haben zuerst applaudiert und waren erstaunt über seine guten Worte. Er hat auch wirklich gut gepredigt. Bis er eben mit seiner Gotteslästerung angefangen hat!

Wie kann ein dahergelaufener Zimmermannslehrling von sich behaupten, den Geist des HERRN auf sich zu haben, gesalbt und gesandt zu sein! Das steht ihm überhaupt nicht zu! Außerdem hat er behauptet, er sei ein Prophet, genau wie Elija und Elischa.

Er ist ein einfacher Mensch und nicht der Messias! Und schon gar kein Prophet oder der wiedergekommene Elija. Nur der Messias könnte diese Worte so sagen und wahrhaftig so meinen. Aber doch kein Zimmerer!

Wir haben dann versucht, ihn wegen seiner Gotteslästerung aus der Stadt zu verbannen und dann den Felsen hinabzustürzen. Doch er hat sich dem einfach entzogen und ist einfach weggegangen. Einfach so ging er durch uns hindurch und war verschwunden!

Hoffentlich bleibt es dabei, denn so einen Unruhestifter können wir hier nicht gebrauchen…

IV.

Liebe Gemeinde,

Zu Beginn des Lebens Jesu gibt es große Prophezeiungen, er sei der Sohn Davids, der König aller Königreiche, der Herr der Herren, der Sohn Gottes.

Lange Jahre ist dann scheinbar Ruhe, zumindest hat der Evangelist nichts weiter aufgeschrieben, denn wir lesen erst wieder von Jesus, als er mit zwölf Jahren im Tempel mit den Schriftgelehrten debattiert. Zeitsprung, einige Jahre später: Jesus predigt in Nazareth und wird beinahe dafür umgebracht.

In beiden Fällen zeigt sich das Göttliche in Jesu Auftreten:

Erstens. In Jerusalem im Tempel, bei seinem Vater – bei Gott dem HERRN und eben nicht Josef! –, da er sich geborgen fühlt und mit klarem Verstand und schneller Auffassungsgabe mit den Schriftgelehrten spricht, sie fragt und zu ihnen redet.
Die Begabung Jesu als Zimmermann scheint sich nicht so zu zeigen und so wird klar, dass er eine andere Berufung hat. So richtig begreift das aber wohl nur seine Mutter Maria, denn sie „behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ (Lk 2, 52b)

Zweitens. In Nazareth, da er sich selbst als Propheten Gottes darstellt, der das Heil verkündet. Und zwar den Armen und Kranken. Und dies nicht nur dem Volk Israel sondern überall im Universum. Mehr noch: Er bezeichnet diese Prophetie als erfüllt! Und dies kann nur der Messias tun, als der er sich hier offenbart.

Christus Jesus ist der Messias, auf den das Volk Israel seit Elija wartet, bis auf den heutigen Tag übrigens! Und als der stellt er sich in die Mitte des geistlichen Lebens der Juden in Nazareth und erklärt die Prophezeiung als erfüllt.

Das bringt die Anwesenden erst zum Erstaunen, dann zur Verwunderung und dann schließlich gegen sich auf.

Christus Jesus wird sich später noch als „der Menschensohn“ bezeichnen, der „zuvor […] [viel leiden muss] und verworfen werden von diesem Geschlecht.“ (Lk 17, 25)

Und hier nimmt im kleinen die große Geschichte ihren Anfang: Er offenbart sich als der Messias und wird daraufhin gehasst und verachtet und beinahe getötet. Er wird heilen und Wunder vollbringen und wird dafür gehasst und verachtet werden und schließlich am Kreuz sterben. Im Kleinen wird hier angedeutet, was bald im Großen passieren wird.

Doch es überwiegt die Freude über die Geburt des Kindes in Bethlehem, des Sohnes Gottes, des Messias.

des Herrn der Herrlichkeit,
des Königs aller Königreich’,
des Heilands aller Welt zugleich;
der Heil und Segen mit sich bringt.

Derhalben jauchzt,
mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott.
Mein Schöpfer reich an Rat.

Amen.

Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

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