zum Dritten Advent 2019

Liebe Gemeinde,

Es ist schon der Wahnsinn schlechthin. Noch neun Tage bis Heiligabend. Nur noch neun Tage.
Und dabei hat das Jahr 2019 gerade erst begonnen, so empfinde ich das jedenfalls. Bevor wir endlich Weihnachten feiern dürfen, gilt es, die Adventszeit zu überstehen.

I: Advent

Überall Kling-Glöcken-Klingelingeling, Deko und Weihnachtsgedudel; dazu unzählige Weihnachtsmärkte und die Suche nach dem größten, tollsten, besten Geschenk für jeden seiner Liebsten;
in Köln, wo ich vorige Woche war, gibt es allein vierzehn Weihnachtsmärkte! Der am Dom soll angeblich der weltweit beliebteste Weihnachtsmarkt sein, denn es werden dieses Jahr etwa 6 Millionen Gäste erwartet. 6 Millionen Menschen, auf der Suche nach Geschenken, nach weihnachtlicher Stimmung:

Tannenzweige,
Schnee,
Weihnachtsmänner
und Christkinder,
„We wish you a merry Christmas,“
Gebrannte Mandeln,
Crêpes,
Glühwein,
Viel Glühwein,
Oder Kinderpunsch,
Auf jeden Fall Glühwein,
„Last Christmas I gave you my heart,“
Schlitten mit Rentieren,
„Rudolph the Red Nose Reindeer,“
Kerzen,
Feuer,
„Jingle Bells, Jingle Bells, Jingle all the way.“

Und dieser so genannte Advent bringt einiges mit sich:

Überfüllte Parkplätze und Parkhäuser,
Überarbeitete Paketzusteller,
Viel zu tun,
Karten schreiben,
Bilder malen,
Alles planen,
Essen planen,
Wer kommt wann zu wem,
Wer ist wo bis wann,
Pläne aufstellen,
Verhandeln,
Umwerfen,
Neu verhandeln.

„Wir müssen unbedingt noch zu dem Weihnachtsmarkt am Neumarkt“, ruft Jaqueline! „Neee, der am Dom ist viel schöner“, meint Katja. Moritz, Tom und Tabea schließen sich an und so begibt sich der Trott in Richtung Innenstadt. Auf dem Weg zum Dom nehmen sie noch den Rest der Gruppe mit.

Was ist Advent?

Fabienne: „Ich muss aber unbedingt noch zum Douglas, Weihnachtsgeschenke kaufen!“ Stefanie: „Da geh’ ich mit!“. Carl, der sich schon auf den Absturz am Glühweinstand gefreut hat: „Ich will aber unbedingt Glühwein!“
„Jaja, kriegst du schon“, lacht Jaqueline.

Was ist dieser Advent?

II: Früher war alles besser

Jeder hat ganz konkrete Erinnerung an die Adventszeit: Adventskranz, Adventskalender, Plätzchenbacken, ein warmes Wohnzimmer bei den Großeltern, ein großes Paket mit Süßigkeiten von der Oma, Lebkuchen, Orangeat und Zimt, Kardamom und Anis, Zuckerguss und Streusel, Nüsse und Mandarinen.

Ich habe neulich was sehr lustiges erlebt, ich war im Rewe einkaufen. Kam ein älterer Mann und fragt zwei recht junge Verkäufer, wo die Pottasche sei. „Bei den Backwaren“, sagte eine junge Mitarbeiterin und der Mann zog dorthin. Als er weg war frage ihr ebenfalls junger Kollege: „Was ist denn bitte Pottasche?“ „Irgendwas zum Backen,“ entgegnete sie und nach ein paar Minuten im Internet suchen war klar, worum es sich dabei handelt. Ich habe mir kurz überlegt, nach Hirschhornsalz zu fragen, aber habe das dann sein lassen.

Früher war alles besser!

Jaa, genau! Und nicht nur besser, offenbar war früher auch mehr selber Backen, mit Oma und Mama. Mehr sich mit allem Beschäftigen, mehr Ruhe vielleicht auch, oder ich bilde mir das nur ein oder stelle es mir so vor.

Was ist Advent?

Heute ist es doch eine Zeit des Seins,
Weihnachten ist bereits überall verfügbar!
Wir fahren in die Stadt oder gehen ins Internet,
Zack! Alles da! Wozu warten?
Es ist bereits Freude und Feier,
Der Advent ist eine vorgezogene Weihnachtszeit geworden.

Die meisten, wenn nicht fast alle Weihnachtsfeiern finden im Advent statt, genau wie Weihnachtsmärkte.

Warum heißen Weihnachtsmärkte eigentlich Weihnachtsmärkte? Sind es nicht eher Adventsmärkte?
Und was ist mit Weihnachtsfeiern? Nicht Adventsfeier?

Der erste Dezember ist gewissermaßen zum Startschuss für die Weihnachtszeit geworden.
Alles wird geschmückt und dekoriert,
Es blitzt und blinkt,
Und dudelt und dudelt,
Man feiert ausgelassen.

Was ist Advent?

Der Advent ist eine Zeit des Seins,
Weihnachten ist schon.
Wozu noch warten?
Wenn alles sofort verfügbar ist?
Wozu durchatmen?
Wozu sich vorbereiten?
Es ist doch schon da?

Lesung: Lk 3

2b [Es] geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.

3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4 wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5):

»Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, 6 und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.«

7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? 11 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.

12 Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!

14 Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

[]

18 Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm.

III: Werden

Lateinisch Adventus Domini, Ankunft des Herrn, das bedeutet Advent ganz wörtlich.

Eigentlich ist der Advent also eine Zeit des Ankommens.
Die Ankunft des Herrn liegt noch in der Zukunft.
Die Verheißung ist noch nicht erfüllt.

Ankommen ist eine Bewegung.
Der Herr ist im Ankommen.

Advent heißt „werden“.

Und wir sollen uns vorbereiten:

  • „Bereitet den Weg des Herrn“
  • „macht seine Steige eben“
  • „Täler sollen erhöht werden“
  • „Berge sollen erniedrigt werden“
  • „Krummes soll gerade gemacht werden“
  • „Unebenes soll eben werden“

Und dazu gehört eine Zeit der Reinigung, des Fastens und der Buße,
Wie Johannes der Täufer gepredigt hat.

So erschließt sich auch die heutige liturgische Farbe: Violett.
Welche Kirchenjahreszeit ist noch violett?

Die Fassten- oder Passionszeit vor Ostern.

Advent heißt: Sich vorbereiten.
Heißt: sich selbst, sein Inneres und sein Haus bereit machen für die Ankunft des Herrn.
Advent ist Werden.

So wie auch die Zeit vor Ostern eine Zeit der Vorbereitung ist.

Denn darin liegt der Sinn, sich durch die Liturgie bewusst zu machen:
Weihnachten wird erst noch.
Das Kind ist noch nicht geboren.
Die Verheißung steht.

Wir müssen warten.

IV: Adventszeit

Der fromme Wunsch einer „besinnlichen Adventszeit“ kommt der ursprünglichen Bedeutung des Advents also viel näher als der heutige Trubel.

Wieso nicht mal im Advent fasten?

Keine Tannenzweige,
Schnee gibt’s ohnehin kaum bis wenig
Keine Weihnachtsmänner
Keine Christkinder,
Keine Dekoration,
Kein Schmuck.

Kein „We wish you a merry Christmas,“
Keine gebrannten Mandeln, Crêpes,
Kein Glühwein,
Auch kein Kinderpunsch,
Kein „Last Christmas I gave you my heart,“ – ohnehin ein schreckliches Lied, finde ich
Kein Schlitten mit Rentieren.
Kein „Rudolph the Red Nose Reindeer.“
Kein „Jingle Bells, Jingle Bells, Jingle all the way.“

Nur ein Adventskranz mit vier Kerzen,

Ruhige Stunden des Wartens,
Des sich Freuens,
Der Vorbereitung.

Stattdessen Plätzchen backen,
Auf Vorrat!

Gemeinsam ruhige Stunden verbringen.
Miteinander alles vorbereiten.

Für das große Fest,
Für die Geburt Jesu.
Für die Ankunft des Herrn.

V: Wie soll ich dich empfangen?

Jetzt werdet ihr denken: „Was will der da eigentlich? Ich brauche das alles! Dekoration, Weihnachtsmärkte und Glühwein! Das ist doch so schööööön! Und gehört doch auch dazu!“

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich habe auch Lichterketten in meinem Garten und einen Adventskalender!
Ich mag das alles auch nicht verteufeln!

Und es ist ja auch ein bisschen eine altväterliche Theologie, die sagt: „Vor Ostern und vor Weihnachten ist eine Zeit der Buße über unsere Sündhaftigkeit und der Entbehrung!“

Wie so oft im Leben geht es nämlich nicht um ein „entweder-oder“ oder um ein „nur-so-und-nicht-anders“ sondern um das Verhältnis.

Wer in der Adventszeit nur von Geschäft zu Geschäft rennt, nur um den Wettbewerb mit den Nachbarn über die schönste Garten-Dekoration, nur feiert und feiert, der vergisst eben einen Teil der Geschichte.

Ich will einladen, auf Gott zu warten, auf Christus zu warten.
Ihm den Weg bereiten.
Ihm Palmen und grüne Zweige hinstreuen.
Denn es kommt ein König,
Mit Gnad und süßem Lichte.

Bereitet ihm eine Krippe.
Eine Herberge.
Darin er liegen kann.

Und ruft ihm zu:

„Ach komm, ach komm, o Sonne, und hol uns allzumal zum ewgen Licht und Wonne in deinen Freudensaal.“

Vergesst dies alles einfach nicht, wenn ihr am Weihnachtsmarkt schlendert, wenn ihr im Radio schräge Weihnachtslieder hört, wenn ihr Fertiglebkuchen kauft, weil ihr nicht wisst, was Pottasche oder Hirschhornsalz ist, wenn ihr euch mit Glühwein die Kante gebt, wenn ihr den Weihnachtsbaum viel zu früh aufstellt.

Die Freude ist nämlich trotz aller guten und richtigen Theologie gerechtfertigt! Denn Gott dem Herrn wurde an Weihnachten ein Sohn durch Maria geboren; und das ist schon längst passiert! Und der ist am Karfreitag für uns und unsere Sünde und Schuld gestorben. Und an Ostern ist er wieder auferstanden. Christus lebt!

Freut euch! Freut euch von ganzem Herzen!

Aber vergesst nicht, dass das alles nicht selbstverständlich ist,
Dass dies alles ein Gnadenakt ist,
Auf den wir keinen Anspruch haben.

Der Advent ist eine Zeit des Ankommens, des Werdens, des Geschehens, des Wartens. So wie die ganze Welt, das ganze Universum wartet, dass Christus wiederkehrt. Das ist Advent: Er ist noch nicht da.

Deshalb: Wartet auf ihn. Empfangt ihn. Bereitet ihm den Weg. Streut ihm Palmen hin. Wenn wir gleich Abendmahl feiern, wenn Heiligabend endlich da ist, tut dies:

Das schreib dir in dein Herze,
du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze
sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet
die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet
und tröstet, steht allhier.
(EG 11, 6)

Amen.

Alexander
Dozent in der Erwachsenenbildung ~ Referent ~ Theologe

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